Wohin die Berge mich führen

Weiter bewusst den eigenen Weg gehen

Mit Ausdauer und Fokus kannst du weit über dich hinauswachsen, weiter als du je für möglich gehalten hast.
- Sir Edmund Hilary -

Ein Moment des Hiking High

Es war 4:15 Uhr, als der Wecker klingelte. In den Gesichtern meiner Gäste konnte ich die Nervosität sehen, denn wir starteten im Dunkeln und in der Kälte. Doch der Vollmond tauchte die Berge in ein sanftes, silbriges Licht und die Luft war überraschend mild. Am Vortag hatten wir einen Teil des Weges zum Gipfel erkundet und festgestellt, wie nah er tatsächlich war. Nur vierhundert Höhenmeter, aber auf 3,600 Metern hat „nur“ eine andere Bedeutung.

Suresh, unser nepalesischer Guide, hatte großzügig Zeit eingeplant, damit wir den Gipfel vor Sonnenaufgang erreichten. Also fand ich meinen eigenen Rhythmus, ging langsam, hielt oft inne und genoss den klaren Sternenhimmel. Allmählich nahmen die Silhouetten der Berge Gestalt an. Was am Nachmittag zuvor noch in Wolken verborgen lag, begann sich nun zu zeigen. Es fühlte sich an, als würde sich ein leises Wunder direkt vor meinen Augen entfalten.

Ich nenne es das Hiking High, diesen wunderbaren Zustand, in dem einfach alles zusammenpasst. Ein Fuß vor den anderen, der Körper fühlt sich leicht an wie auf Wolken, der Rucksack sitzt perfekt, der Puls ist ruhig und ich weiß, ich könnte ewig so weitergehen. Nichts tut weh und nichts lenkt ab. Ich bin weder traurig noch übermäßig glücklich, sondern in einer tiefen, friedlichen Ruhe.

Irgendwann zogen hinter uns Wolken auf und für einen Moment fürchtete ich, wir könnten den Gipfel ohne jede Sicht auf die Himalaya-Kette erreichen. Doch kurz vor dem höchsten Punkt geschah es. Pemba, einer unserer Träger, lief direkt vor mir und Barsha, unsere Praktikantin, neben mir, als plötzlich ein Teil der Bergkette im ersten Licht der aufgehenden Sonne aufleuchtete. Ich kannte diesen Moment bereits von der Routenerkundung Ende letzen Jahres und doch raubte mir seine Schönheit erneut den Atem. Ich lachte laut, dankbar für diesen magischen Moment.

Gipfelglück

Ich war die letzte, die den Gipfel erreichte. Meine Mutter empfing mich mit offenen Armen und Tränen in den Augen. Was für ein Geschenk, diesen Moment mit ihr zu teilen. Erinnerungen, die ein Leben lang bleiben. Oben waren nur wenige Trekkende, vor allem junge Nepalesinnen und Nepalesen, die ihre Heimatberge entdeckten, nur wenige Ausländische. Eine ruhige, fast heilige Stimmung lag über allem, während die Sonne über den höchsten Bergen der Welt aufging: Sagarmatha (Mt. Everest), Lhotse, Makalu und in der Ferne Annapurna, Manaslu und Kangchenjunga. Dieses Naturwunder zu erleben fühlte sich wie ein großes Privileg an. Es mit meinen Gästen zu teilen war eine wunderbare Würdigung meiner Arbeit.

Nach den Umarmungen und Gipfelfotos ließ ich die Gruppe hinter, suchte einen Moment der Stille, und spielte auf meiner Ukulele als Zeichen meiner Dankbarkeit an die Berge. Ich sehe sie nicht nur, ich spreche mit ihnen, ich danke ihnen und sie antworten mit Gnade.

Die Freude, zu den Bergen zurückzukehren

Ich liebe diese Momente, in denen Wochen voller Stress verblassen, Zweifel sich lösen und zu Vertrauen in meine Erfahrung, Intuition und mein Gespür für gute Entscheidungen werden. Wenn die Nervosität aus den Gesichtern meiner Gäste verschwindet und stattdessen Erleichterung, Lachen und Stolz auftauchen, weil sie den ersten Meilenstein unseres zehntägigen Treks erreicht haben. Viele Höhepunkte lagen noch vor uns, doch dieser Moment war einer der eindrucksvollsten.

Ich liebe meine Arbeit, weil sie Menschen daran erinnert, dass außergewöhnliche Erfahrungen Anstrengung verlangen. Du musst etwas dafür tun, Phasen des Unbehagens annehmen, auf Luxus verzichten und die eigene Komfortzone verlassen. Im Alltag lassen sich körperliche Anstrengung und widrige Bedingungen so leicht vermeiden, dass wir oft vergessen, wie lebendig wir uns fühlen, wenn wir den Elementen wirklich ausgesetzt sind.

Da draußen wird die Einfachheit der Anstrengung zu einer Wahrheit für sich. Die Kälte auf der Haut, das Brennen in den Beinen, die dünne Luft, die wir atmen. Diese Empfindungen lassen den Lärm des Alltags verstummen. Sie bringen hervor, wer du bist, jenseits von Bequemlichkeit und Routine. In den Bergen ist nichts garantiert, deshalb ist jeder Schritt bewusst und jede Aussicht verdient. Und wenn du einen Grat oder einen Gipfel erreichst oder einfach nur einen Moment der Stille, dann ist die Belohnung umso tiefer, weil du einen Teil von dir selbst investiert hast.

Das ist der Grund, warum ich tue, was ich tue. Wenn Menschen weitergehen, als sie es sich zutrauen, und wenn sie wieder Kontakt zu ihrem Körper, ihrem Atem und der Natur um sich herum finden, erwacht etwas Kraftvolles. Sie erinnern sich daran, dass sie stark, anpassungsfähig und zutiefst wild und frei sind.

Treu bleiben statt Trends folgen

Jetzt beginnt die Herausforderung, eine Balance zu finden zwischen dem, was beliebt ist, und dem, was sich für mich richtig anfühlt. Schon länger hatte ich überlegt, zur Manaslu-Runde zurückzukehren, die immer populärer wird und auf vielen Wunschlisten steht. Vor einigen Jahren wurde sie noch als Geheimtipp verkauft und schon letztes Jahr war ich überrascht, wie voll es dort war, als ich meine erste Gruppe dorthin führte. Dieses Jahr war ich schockiert von Fotos, auf denen lange Reihen von Touristen zu sehen waren, die über den Pass liefen, Szenen, die mich an Aufnahmen vom Everest erinnerten.

Die Manaslu-Runde ist zudem eine Route mit wenigen Alternativen, festen Tagesetappen und konstantem Anstieg. Es gibt wenig Möglichkeiten, das Tempo der Akklimatisation zu reduzieren. Außerdem ist die Region für Erdrutsche und unberechenbares Wetter bekannt. Dieses Jahr brachte der späte Monsun starken Schneefall mitten in der Saison und zwang viele Trekkende, den über fünftausend Meter hohen Pass im Schneesturm zu überschreiten. Lawinen und Höhenprobleme tauchten häufig auf. Ja, man kann dort trekken, aber ich frage mich, ob ich das anbieten will.

Große Höhe ist körperlich anstrengend, auch ohne Höhenkrankheit. Schlechter Schlaf, trockene Luft, Kälte, einfache Unterkünfte und schlichtes Essen. Die Gletscher dort oben sind beeindruckend, aber die Landschaft kann auch karg wirken. Ich wandere weiterhin gern in solchen Gebieten, doch ich frage mich, ob ich Gäste auf über fünftausend Meter mitnehmen sollte, wenn es ihr erster Trek in großer Höhe ist.

Viele möchten sich selbst herausfordern und glaub mir, meine Gäste wurden auf unserem zehntägigen Trek im niederen Everestgebiet wirklich gefordert. Von einem Schreibtischjob und normaler Kondition direkt ins Trekking im Himalaya zu gehen ist schon Herausforderung genug. Zehn Tage laufen, früh aufstehen, starke Sonne, endlose Auf- und Abstiege, einfache Unterkünfte und schlichtes Bergessen. All das zusammen bringt dich an deine Grenzen und du wirst deine Entscheidung mehr als einmal hinterfragen. Für viele meiner Gäste war das Trekking im Himalaya eine der anspruchsvollsten und zugleich bereicherndsten Erfahrungen ihres Lebens.

Warum die niederen Himalaya Regionen mein Herz erobern

Das Schöne am Trekking in geringerer Höhe ist, dass es Raum für Fehler gibt. Was Reiseunternehmen selten melden ist, wie viele Menschen ihre Treks in Nepal nicht beenden. Wie oft Helikopter Trekkende abholen. Wie riskant manche gängige Routen sind. Ich habe schon viele Menschen auf meinen Wanderungen und in Kathmandu getroffen, die ihren Trek abbrechen mussten, meist wegen Höhenproblemen, die sich mit etwas mehr Zeit zur Akklimatisation hätten vermeiden lassen. In tieferen Regionen bedeutet ein schlechter Tag noch nicht das Ende des Treks, wie es auf Hochrouten oft der Fall ist. Das Wetter ist milder, Anpassungen sind unkompliziert und es gibt Optionen, um Situationen sicher aufzufangen.

Es ist nicht so, dass meine Gäste auf meinen Nepalreisen keine Probleme hätten, aber ich plane ausreichend Puffer ein, kombiniere leichte und anstrengende Tage und baue Alternativen ein, damit wir uns anpassen können, wenn jemand eine Pause braucht. Diese Sicherheit macht den entscheidenden Unterschied. Und bisher haben alle meine Gäste ihre Treks glücklich beendet.

Meinen eigenen Weg gehen

Dieser Trek hat mich erneut daran erinnert, was ich am Himalaya so liebe. Die Verbindung mit den lokalen Gemeinschaften und die Tatsache, dass wir die Berge oft fast für uns allein haben. Das ruhige Tempo. Kein Drängen, kein Hetzen, kein Hinterherjagen eines Gipfelrausches. Für mich ging es nie nur um die Aussicht, sondern immer um die Menschen, denen man begegnet und die, mit denen man Seite an Seite geht.

Die stark frequentierten Routen Nepals in der Hochsaison liegen mir nicht und ich kann mein Herz nicht in etwas stecken, von dem ich nicht überzeugt bin. Ich möchte keinen weiteren standardisierten Trek anbieten. Ich möchte meine Nische auf ruhigeren Wegen finden. Vor allem möchte ich Beziehungen aufbauen, immer wieder in dieselben Regionen zurückkehren und den Tourismus dorthin bringen, wo er echten Wert für die Menschen schafft, die von Shanti Treks profitieren können.

Mein nepalesisches Team ist ein großer Teil meiner Freude an dieser Arbeit. Suresh und Surya, zwei lokale Guides, haben jeweils mehr als zwanzig Jahre Erfahrung. Dieses Jahr begleitete uns Barsha, eine junge Nepalesin, als Praktikantin, und das möchte ich auch zukünftig so weiterführen. Sie brachte eine frische und sehr persönliche Perspektive auf ihr Land mit und erzählte viel aus ihrem Leben. Paddam, einer unserer Träger, war zum zweiten Mal dabei und kümmerte sich mit Ausdauer und Herzlichkeit um meine Gäste.

Ein Blick nach vorn

Im nächsten November werde ich daher mit einem weiteren Trek ins niedere Everestgebiet zurückkehren, ähnlich wie in diesem Jahr. Es wird erneut eine zweiwöchige Tour sein, mit der Möglichkeit, auf drei Wochen zu verlängern für alle, die tiefer in die Berge eintauchen möchten. Die Termine sind bereits online (alle Infos hier), weitere Informationen folgen bald und die Buchungen öffnen Mitte Januar 2026. Sag mir gern Bescheid, wenn du informiert werden möchtest, sobald alles online ist.

Außerdem hat Nepal vor Kurzem die Permitpreise für die Mustang Region gesenkt, eine Region, den ich bald erkunden möchte. In den nächsten Tagen breche ich zusammen mit einer Freundin auf, um die Drei-Pässe im Everestgebiet zu erkunden. Es gibt noch so viel zu entdecken und ich freue mich darauf, viele weitere besondere Himalaya Erlebnisse gemeinsam mit meinem leidenschaftlichen nepalesischen Team zu schaffen, das meine Liebe zu diesen Bergen teilt.

Wenn dir gefallen hat, was du gelesen hast, oder wenn du Fragen, Gedanken, Kommentare oder Anregungen hast, melde dich gern bei mir. Ich freue mich immer über Rückmeldungen zu meinen Blogbeiträgen, um zu verstehen, was Menschen besonders anspricht.