Wenn die Angst bremst, aber Weitergehen sich richtig anfühlt

Wie uns Mut in den Bergen auch im Alltag stärker macht

“Nicht den Berg bezwingen wir, sondern uns selbst.”
- Edmund Hillary -

Ein bisschen Schiss gehört doch dazu, oder?

Das waren sinngemäß die letzten Worte meiner Freundin, bevor wir uns auf den Weg über einen Grat machten, den ich schon seit zwei Jahren im Blick hatte – meist von der anderen Talseite aus, wenn ich eine andere Route durch den Nationalpark Hohe Tauern führte.

Warum sich der Angst stellen?

Seit ich Shanti Treks hauptberuflich mache, führe ich einen Trek nach dem anderen. Zwischendurch war ich zwar immer mal wieder einen Tag oder auch mehrere Tage mit meiner Familie in den Bergen unterwegs, aber diesmal war es anders. Sechs Tage Hüttentour mit einer Freundin. Einer Freundin, die in vielerlei Hinsicht mutiger ist als ich und genau die Richtige, um diesen Grat mit mir zu gehen.Aus der Ferne sieht er fast aus wie ein Regenbogenberg. Am Anfang wartet schon recht anspruchsvolle Kraxelei, später geht es direkt oben auf dem Grat entlang mit ziemlich wenig Spielraum nach links oder rechts.

Gerade in einer Zeit, in der die Bergrettung mehrmals täglich ausrücken muss und immer häufiger Menschen hilft, die in Gelände geraten sind, dem sie nicht gewachsen sind, habe ich lange überlegt, ob wir diesen Grat wirklich in unsere Tour einbauen müssen. Schließlich war die Tour auch auf der normalen Route schon ziemlich großartig.

Aber ich glaube, dass die Dinge, die uns Angst machen, das Leben auch irgendwie größer machen, vorausgesetzt, wir entscheiden uns bewusst dafür und können das Risiko verantwortungsvoll einschätzen.

Wenn wir Dinge tun, die uns Angst machen, finden wir heraus, was alles in uns steckt. Wir lernen, Unsicherheit auszuhalten, uns selbst zu vertrauen und nicht gleich umzukehren, weil sich etwas schwierig anfühlt. Manchmal zeigt uns genau dieses Unbehagen, dass uns etwas wirklich wichtig ist. So wie mir dieser Grat.

Und dabei gibt es für mich einen Unterschiedzwischen Angst und Gefahr. Es geht nicht darum, leichtsinnig Risiken einzugehen. Sondern darum, sich hin und wieder bewusst für etwas zu entscheiden, das das Herz schneller schlagen lässt, und dabei ein Risiko einzugehen, das man realistisch einschätzen und verantworten kann.

Das kann ein Berg sein. Aber genauso gut kann es bedeuten, allein zu verreisen, etwas Neues anzufangen, ein schwieriges Gespräch zu führen oder einfach Ja zu sagen, wenn der erste Impuls eigentlich wäre, lieber dort zu bleiben, wo es bequem und vertraut ist.

Vielleicht ist genau das der beste Grund, sich ab und zu etwas zu trauen: Es verschiebt die Grenzen dessen, was wir uns selbst zutrauen. Und danach, selbst wenn es weder elegant noch angenehm war, kennen wir uns meistens ein kleines bisschen besser.

Dem Bauchgefühl vertrauen

Und so standen wir am Einstieg zum Grat und mein Bauchgefühl war gut. Meine Freundin vertraute mir, also gingen wir los.

Tatsächlich steckt hinter unserem Bauchgefühl mehr, als man vielleicht denkt. Intuition ist nicht unbedingt etwas Mysteriöses. Oft greift unser Gehirn auf jahrelange Erfahrungen zurück und erkennt bestimmte Muster, noch bevor wir sie bewusst analysieren können. Untersuchungen zur Entscheidungsfindung von Expert:innen zeigen, dass solche schnellen, intuitiven Einschätzungen in vertrauten Situationen erstaunlich hilfreich sein können.

Wichtig ist allerdings, dass hinter diesem Bauchgefühl auch Erfahrung steckt. In den Bergen basiert meines auf vielen Jahren des Wanderns, auf dem Beobachten von Gelände, Wetter und Bedingungen und auf all den Entscheidungen, die ich unterwegs getroffen habe. Mein Bauchgefühl sagte mir nicht, dass es kein Risiko gab. Es sagte mir vielmehr: Ich kenne solche Situationen. Ich habe sie eingeschätzt. Und ich traue uns das zu.

Auf sein Bauchgefühl zu hören bedeutet also nicht, keine Angst zu haben. Manchmal bedeutet es, genug Erfahrung zu haben, um zu wissen, auf welche Angst man hören sollte und durch welche man hindurchgehen kann.

Ich nenne das kalkuliertes Risiko. Und eigentlich ist mir dieses Prinzip alles andere als neu. In meinem früheren Leben als Ökonomin habe ich genau das auf eine viel analytischere Art ständig gemacht. Heute sind es statt Tabellen eben Berge, aber das Prinzip ist dasselbe: einschätzen, was man weiß, sich bewusst machen, was man nicht weiß, mögliche Konsequenzen abwägen und dann entscheiden, ob es das Risiko wert ist.

Ein Freudenschrei

Während der gesamten Gratüberschreitung war ich vollkommen im Moment und gleichzeitig hoch konzentriert. Ein paar Mal versuchte sich die irrationale Angst einzuschleichen, aber ich schaffte es, sie wieder beiseitezuschieben. Irgendwann hatte ich so viel Adrenalin im Körper, dass mir ein lauter Freudenschrei herausrutschte.

Unterwegs begegneten wir nur einem einzigen Einheimischen. Für mich fühlte er sich fast wie ein Zeichen des Universums an: Wo der herkommt, muss es schließlich einen Weg geben. Ohne einen Blick auf eine gute alte Papierkarte hätte man vermutlich nicht einmal gewusst, dass diese Route existiert, denn ausgeschildert war hier nichts. Vielleicht ist das auch ganz gut so.

Am Ende des Grates erreichten wir einen weiteren Gipfel mit Gipfelkreuz und machten Mittagspause, als hätten wir seit Tagen nichts gegessen. Langsam setzte die Euphorie darüber ein, was wir gerade geschafft hatten. Der Weg von hier war zwar noch lang, aber deutlich einfacher.

Eine meiner schönsten Erinnerungen an diese Tour ist unsere Ankunft an der Hütte. Wir saßen auf der sonnigen Terrasse, vor uns Snacks und Getränke, körperlich und mental völlig erschöpft und gleichzeitig unglaublich zufrieden und stolz. Wir hatten uns unseren Ängsten gestellt, unsere Grenzen ein Stück verschoben und unseren Horizont erweitert.

Im Nachhinein war der Grat definitiv sehr ausgesetzt, aber gleichzeitig passte er perfekt zu unserer Erfahrung in den Bergen. Irgendwie fühlte es sich an, als wäre er genau für uns gemacht gewesen. Und ein wenig schlich sich der Gedanke ein, dass ich genau diese Verschiebung des Möglichen nach so langer Zeit mal wieder gebraucht hatte. Fast so, als hätte ich mich danach gesehnt.

Sich trauen heißt auch, Nein zu sagen

In den nächsten Tagen hätten wir noch einige weitere Dreitausender besteigen können, doch wir zogen ganz zufrieden unterhalb der Gipfel an ihnen vorbei. Gipfel zu erreichen war für mich noch nie das eigentliche Ziel, und diesmal fehlte einfach das Bauchgefühl dafür. Da war kein Drang, kein Gefühl, hinaufzugehen, nur weil wir es konnten.

Stattdessen schliefen wir morgens etwas länger und kamen später zum Frühstück. Wir erkundeten die Seen rund um die Hütten und machten uns erst auf den Weg, wenn die meisten anderen längst losgezogen waren. So hatten wir die Wege oft ganz für uns. Wir gingen langsam, machten viele Pausen, führten lange Gespräche über die großen Fragen im Leben und liefen manchmal einfach schweigend hintereinander her.

Es war Zeit, Gedanken zu sortieren, Dinge zu überdenken und manches loszulassen, das keinen Platz mehr in meinem Leben braucht. Genau das machen die Berge mit mir, wenn ich mehrere Tage durch sie hindurchwandere: Außen wird man immer dreckiger, verschwitzt, staubig und müde, und innen wird es gleichzeitig immer klarer.

Und in diesen Tagen wurde mir wieder einmal sehr bewusst, dass es genau diese Art von Erfahrung ist, die ich meinen Gästen mitgeben möchte. Genau deshalb bin ich Bergwanderführerin geworden. Und genau deshalb habe ich Shanti Treks gegründet.

Raum, um über sich hinauszuwachsen

Ich möchte einen sicheren Raum schaffen, in dem Menschen ihre Komfortzone verlassen, ihre eigenen Grenzen ausloten und erleben können, dass Angst ganz natürlich und oft sogar hilfreich ist, wir ihr aber nicht immer nachgeben müssen. Manchmal können wir sie wahrnehmen, hinhören, was sie uns sagen will, die Situation einschätzen und uns dann trotzdem bewusst dafür entscheiden, weiterzugehen.

Denn wenn wir unsere Grenzen verschieben und uns über das hinauswagen, was sich vertraut und bequem anfühlt, kommen wir ein kleines bisschen mutiger nach Hause. Wir haben erlebt, wie wir etwas geschafft haben, das uns schwerfiel oder Angst gemacht hat, und dabei festgestellt: Ich kann das. Ich kann damit umgehen.

Und ich glaube, gerade für uns Frauen sind solche Erfahrungen wichtig. Wir brauchen Momente, die uns daran erinnern, dass auch wir schwierige Dinge schaffen können. Dass wir unserem eigenen Urteil vertrauen, Raum einnehmen, Entscheidungen treffen und zu ihnen stehen können, auch und gerade dann, wenn andere an uns zweifeln.

Und vielleicht bleibt dieses Vertrauen nicht in den Bergen zurück. Vielleicht nehmen wir ein bisschen davon mit nach Hause. Den Mut, endlich das schwierige Gespräch zu führen, das wir schon so lange vor uns herschieben. Nein zu sagen, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt. Oder für das einzustehen, was wir wollen und brauchen. Weil wir uns irgendwo da oben am Berg schon einmal selbst bewiesen haben: Ich hatte Angst. Ich habe es trotzdem gemacht. Und ich kann mir selbst vertrauen.

Raum, um zur Ruhe zu kommen

Ich möchte aber auch Raum für die andere Seite des Unterwegsseins in den Bergen schaffen: langsamer werden, loslassen und einfach mal auf Reset drücken. Wenn wir mehrere Tage zu Fuß unterwegs sind, reduziert sich das Leben ganz von selbst auf das Wesentliche. Es gibt keinen anderen Ort, an dem wir sein müssen, und kaum etwas zu entscheiden außer dem nächsten Schritt. Gedanken dürfen sich setzen, Dinge, die vorher wichtig erschienen, verlieren an Bedeutung und plötzlich entsteht Platz für neue Perspektiven.

Für mich ist es genau diese Verbindung, die einen Trek so besonders macht: den Mut zu haben, die eigenen Grenzen zu verschieben, wenn es sich richtig anfühlt, und gleichzeitig die Freiheit, es nicht zu tun, wenn das Bauchgefühl Nein sagt. Die Berge geben uns Raum für beides.