Raus aus dem Kopf, rein in die Berge
Stress loslassen und Resilienz aufbauen
- John Muir -
Wie ich darauf kam – Einblicke aus dem letzten Jahr
„Einfach mal wieder aus dem Kopf raus.“ – sagte eine Gästin zu mir letzten Sommer auf einem meiner Wander- und Yoga-Wochenenden. „Ich muss mal wieder alles hinter mir lassen und tief durchatmen“, meinte eine andere. Und auch Sätze wie: „Die aktuelle Weltsituation macht mich fertig, ich kann das nicht mehr hören“, sind mir immer wieder begegnet. Bei manchen war die Anspannung sofort spürbar, bei anderen zeigte sie sich erst im Laufe der Tour. Der Tenor war jedoch derselbe: Viele meiner Teilnehmenden standen unter Stress. Bei einigen führte das unterwegs sogar zu starken emotionalen Reaktionen bis hin zu Panikattacken. Was ich zunächst als Einzelfälle wahrgenommen hatte, entwickelte sich im Verlauf der Saison zu einem wiederkehrenden Muster.
In einem Online-Fragebogen vor jeder Tour erhebe ich für mich relevante Informationen (z. B. zu Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme). Letztes Jahr habe ich zusätzlich abgefragt, was sich die Gäst:innen inhaltlich wünschen – etwa Wissen zu Flora und Fauna oder Impulse aus Yoga und Meditation. Die Mehrheit gab an, vor allem die Ruhe der Berge in ihren Alltag mitnehmen zu wollen. Gleichzeitig wurde ich immer häufiger gefragt, wie ich meine eigenen Touren bei Shanti Treks alleine meistere und mit Stress umgehe.
Der Wendepunkt war die Panikattacke einer Teilnehmerin an einer absturzgefährdeten Stelle. Dieses Erlebnis hat mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, in solchen Situationen nicht nur intuitiv, sondern auch fachlich fundiert reagieren zu können. Daraus entstand mein Entschluss, mich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nach ausführlicher Recherche saß ich schließlich im September bei Jenny im Büro, um zu besprechen, wie die Weiterbildung zum Resilienz- und Natur-Coach mein Konzept sinnvoll ergänzen kann.
Was bedeutet Coaching eigentlich und warum in der Natur
Coaching bedeutet im Kern, Menschen dabei zu begleiten, eigene Lösungen zu entwickeln, neue Perspektiven zu gewinnen und mit Herausforderungen bewusster umzugehen, statt fertige Antworten vorzugeben. Gerade im Bereich Stress und Resilienz geht es darum, belastende Muster zu erkennen und persönliche Ressourcen zu stärken. Warum das in der Natur besonders gut funktioniert, ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt. Studien zeigen, dass natürliche Umgebungen Stress reduzieren, die Aufmerksamkeit regenerieren und emotionale Prozesse erleichtern. Abseits von Reizüberflutung und Alltagsdruck entsteht Raum für Klarheit, Reflexion und echte Verbindung zu sich selbst und zur Umgebung. Die Natur wirkt dabei nicht nur als Kulisse, sondern als aktiver Co Coach, der Veränderungsprozesse auf eine intuitive und nachhaltige Weise unterstützt.
Als Resilienz- und Natur-Coach (IHK) lernen Teilnehmenden im Gruppenkontext eigene belastende Risikofaktoren wie Stress oder Überforderung zu erkennen und zu reflektieren. Gleichzeitig werden individuelle Gesundheitsressourcen wie Achtsamkeit, Selbstwirksamkeit und innere Stabilität gestärkt. Die Natur dient dabei als aktiver Erfahrungsraum, der durch Bewegung, Sinneseindrücke und Abstand zum Alltag Reflexion erleichtert und neue Perspektiven eröffnet. So entsteht ein unterstützendes Umfeld, in dem Austausch möglich ist und die Teilnehmenden gestärkt, als Individuen daraus hervorgehen.
Die heilende Kraft der Natur – Wissenschaftlich bewiesen
Die „heilende Kraft der Natur“ ist zudem kein Mythos, sondern wissenschaftlich gut belegt, besonders auch im alpinen Kontext.
Eine Übersichtsarbeit (The Economics of Nature’s Healing Touch) aus dem Jahr 2024 im Fachjournal Science of the Total Environment wertete 26 internationale Studien mit insgesamt 242 analysierten Zusammenhängen aus, um den Einfluss von Naturkontakt auf die Gesundheit zu untersuchen. Im Fokus standen dabei unter anderem Stress, körperliches Wohlbefinden sowie Medikamentenbedarf und Gesundheitskosten. Das Ergebnis: In rund dreiviertel der Fälle (d.h. 20 Studien) zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen Natur und Gesundheit – etwa durch geringeren Stress, bessere körperliche Verfassung und eine reduzierte Inanspruchnahme medizinischer Leistungen. Die Studie bestätigt damit klar den gesundheitsfördernden Effekt von Naturkontakt, auch wenn weitere Forschung nötig bleibt.
Die Studie „Stressreduktion durch Bergwandern“ des Deutscher Alpenverein in Zusammenarbeit mit der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport untersuchte die Wirkung von regelmäßigem Bergwandern auf stressbelastete Personen. Dafür wurden Teilnehmende über einen längeren Zeitraum sowohl mithilfe von Fragebögen zu Stress und Wohlbefinden als auch durch physiologische Messungen wie Herzfrequenz und Cortisolwerte begleitet und mit einer Kontrollgruppe verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass bereits einzelne Wanderungen Stress reduzieren und das Wohlbefinden steigern, während regelmäßiges Bergwandern langfristig zu mehr Gelassenheit, höherer Lebenszufriedenheit und einer stabileren psychischen und körperlichen Gesundheit führt.
Meine Erfahrung
Die Natur ist für mich schon lange mehr als nur ein Ort für Bewegung, sie ist mein Ausgleich und mein Anker. Dass ich zuerst als Bergwanderführerin tätig geworden bin und erst später als Yogalehrerin, hat nichts damit zu tun, dass ich lieber wandere als Yoga mache, eher im Gegenteil. Aber ich bin einfach viel lieber draußen als drinnen, und die Berge haben seit jeher eine beruhigende Wirkung auf mich. Wenn mich etwas beschäftigt, fahre ich bewusst in die Berge, nicht um intensiver darüber nachzudenken, sondern weil sie mich runterholen. Meist bin ich allein unterwegs, laufe, verausgabe mich und lasse mir dabei bildlich den Kopf freiblasen. Sobald ich draußen bin und meinen Rhythmus finde, komme ich automatisch bei mir an. Ich denke dabei oft gar nicht gezielt über meine Themen nach und finde selten konkrete Lösungen, aber ich merke jedes Mal, wie gut es mir danach geht. Und genau das ist es für mich: Die Natur muss keine Antworten liefern, sie bringt mich einfach zurück in einen Zustand, in dem sich vieles von selbst sortiert.
Was sich für mich intuitiv richtig angefühlt hat, habe ich schon damals in meinem Bürojob gespürt und es hat mich zunehmend frustriert, dass ich gefühlt nie genug Zeit für Bewegung in der Natur hatte. Das war letztlich ein entscheidender Grund, meinen alten Job hinter mir zu lassen und etwas zu machen, mit dem ich mir und meinem Körper konstant etwas Gutes tue. In den letzten zwei Jahren habe ich nicht nur äußerliche Veränderungen bemerkt – ich bin schlanker und muskulöser geworden und meine Haut wirkt auch ohne aufwendige Pflege strahlend und gesund. Auch innerlich hat sich viel getan: Ich bin ruhiger geworden, weniger impulsiv und kann heute sehr gut mit Stress umgehen. Selbst wenn etwas schiefgeht, bleibe ich meist gelassen. Diese innere Ruhe nehmen auch meine Gäst:innen auf Tour wahr und sie überträgt sich auf die Gruppe. Was bei mir ein intuitiver Prozess war, möchte ich nun bewusst und gezielt an Menschen weitergeben, die sich weniger Stress und gleichzeitig mehr Ruhe und Gelassenheit wünschen.
Wie möchte ich das in Zukunft nutzen
Oft denken wir viel zu kompliziert über Veränderung nach und schrecken uns damit eher selbst ab, Dinge wirklich anzugehen. Manchmal fehlt auch einfach ein klarer Einstieg. Ähnlich ging es mir am Ende der letzten Alpensaison, als ich gemerkt habe, dass ich im Umgang mit gestressten Gäst:innen mehr Sicherheit und Fachwissen haben möchte. Natürlich hätte ich mir das Wissen auch über Literatur oder Onlineformate aneignen können, aber mir war schnell klar, dass ich mir dafür in meinem Alltag kaum bewusst Zeit nehmen würde. Deshalb habe ich mich entschieden, mir ganz gezielt eine Auszeit zu nehmen, um mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, mich von der Kursleitung und den anderen Teilnehmenden inspirieren zu lassen und die Methoden auch selbst zu erleben. Gerade die Perspektive als Teilnehmende war unglaublich wertvoll und hat mir nicht nur neue Ansätze, sondern auch richtig Freude gebracht. Schon in den ersten Tagen der Fortbildung habe ich viele Impulse mitgenommen und konkrete Ideen entwickelt, wie ich das Gelernte in meine bestehenden Touren integrieren kann.
Passend dazu fand die Fortbildung in Bonn statt, wo ich vor meiner Selbstständigkeit zuletzt gelebt habe. So konnte ich die Reise mit einer Wanderung im Siebengebirge verbinden. Diese Tour habe ich für alte Bekannte kostenfrei angeboten, und es sind auch neue Gesichter dazugekommen, was mich besonders gefreut hat. Gemeinsam haben wir Spenden für ein Projekt gesammelt, das ich künftig stärker unterstützen möchte: JUNO – eine Stimme für geflüchtete Frauen.
Darauf aufbauend plane ich, künftig gezielt Resilienz- und Stressseminare auf Berghütten anzubieten. Ziel ist es, dass Teilnehmende lernen, ihre eigenen Stressmuster besser zu erkennen, wirksame Strategien zur Regulation zu entwickeln und mehr innere Ruhe und Stabilität aufzubauen, die sie nachhaltig in ihren Alltag übertragen können. Zunächst möchte ich dieses Konzept im Herbst im Rahmen von Shanti Treks umsetzen und parallel daran arbeiten, es weiterzuentwickeln, um es ab nächstem Jahr auch im beruflichen Kontext anzubieten, etwa als Firmenausflug, teambildende Maßnahme oder Bildungsurlaub. Wer daran Interesse hat oder Ideen dazu hat, darf sich jederzeit gerne bei mir melden.